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28.01.2015

Helikopter-Alarm

Ja! Willkommen in meinem Leben:

"Unter Helikopter-Eltern [...] versteht man populärsprachlich überfürsorgliche Eltern, die sich (wie ein Beobachtungs-Hubschrauber) ständig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten, um diese zu überwachen und zu behüten. Ihr Erziehungsstil ist geprägt von (zum Teil paranoider) Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes bzw. des Heranwachsenden." (http://de.wikipedia.org/wiki/Helikopter-Eltern)

Meine 3 1/2-jährige Ella wurde also zu ihrer ersten echten Kindergeburtstags-Party eingeladen. Mit allem drum und dran. Mit Abholen direkt vom Kindergarten. Ohne Eltern.

Waaah!

Während das Schätzchen sich tierisch freut, ihre Einladung mit ins Bett nimmt und nichts anderes mehr zu berichten weiß außer ich darf zu Lisa, aber du nicht, lalala lalala..., kann ich zwei Nächte lang nicht mehr schlafen. 7 wildgewordene 4-jährige (Ella ist die Jüngste). Ich wache schweißgebadet auf. Wenn sie die Treppe runter- und dann ins Koma fällt? Die haben doch so eine steile Treppe. Niemand wird auf sie aufpassen. Wenn nicht Lisas Papa, sondern ein verkleideter Axtmörder sie abholt? Wenn sie in die Hose macht, oder schlimmer noch, ohne Schneehose nach draußen geht? Ich muss ihr eine Schneehose mitgeben. Und Hausschuhe. Und eine Axt. Ahrg. Vorsorglich nehme ich mir vor, am nächsten Abend einige Flaschen Wein zu trinken.

Tag X ist da. Ich zittere ein wenig. 3 Stunden ALLEINE. Wird sie überleben? Ella singt und springt und macht kleine Tanzschritte. Ich fürchte, da muss ich durch. Beim Zähneputzen sage ich, "vergiss nicht aufs Klo zu gehen." Auf der Fahrt zum Kindergarten sage ich, "aufpassen auf der Straße! Und viel trinken!". Zum Abschied sage ich, "sag einfach Bescheid, wenn du nach Hause willst!" Mein Kind ignoriert mich. Recht hat sie.

Eine halbe Stunde vor dem großen Treffpunkt im Kindergarten hole ich Mo ab. Ich sehe sie sitzen, gebe ihr einen Kuss und sage (sehr fröhlich), tschüss viel Spahaß! Wir gehen zur Tür und als ich mich umdrehe, zittern ihre Lippen und sie fängt an zu weinen. Ich schäme mich sehr dafür, aber ein Teil von mir atmet auf. Puh. Vielleicht darf ich ja doch dabei bleiben. Ich drücke sie und sage, soll ich warten, bis Lisas Papa kommt? Sie kuschelt sich an mich und ich zweifle ernsthaft an meinen Mutterqualitäten. Ganz offensichtlich bin ich völlig wahnsinnig und schuld daran, wenn mein Kind mich mit 16 darum bitten wird, dass ich noch kurz mit zu ihrem Freund komme...
Als die fröhliche und sehr aufgeregte Horde zur Party abgeholt wird, lässt sich Ella von der Partystimmung anstecken und geht mit. --- Moment. EIN Mann. Eine sehr befahrene Straße. 7 Kinder. Sie werden alle sterben. Ich frage ihn 870mal, ob ich ihm helfen soll. Er hat angeblich alles unter Kontrolle. Seine Tochter rennt in Richtung Straße und er brüllt ihr nach. Ha. So sieht dein unter-Kontrolle-Haben-aus?! Ich zeig dir Kontrolle! Halb besinnungslos packe ich Mo ins Auto. Ich muss hinterher. Die Straße runter. Um die Kurve. Shit. Er hat mich gesehen. Schnell weg. Mir ist schlecht.

Irgendwie geht der Nachmittag vorbei. Kein Anruf. Ich telefoniere mit meiner Schwester, die mir durchs Telefon einen deutlichen Vogel zeigt.

17.28 Uhr. Wo ist mein Kind? Die Treppe hoch. Lärm.
Ich öffne die Tür.

Ella sitzt gelassen am Tisch und stopft fröhlich Schokolade in ihren Mund. Alle leben. Langsam stabilisiert sich mein Puls und ich plaudere mit Lisas Mama:
Ich: Ich hatte ja schon fast Bedenken heute... (wollte erzählen, dass Ella geweint hat)...
Sie: Ja, ich habe schon gehört, dass du meinem Mann nachgefahren bist.

Ich sterbe.

---


Und was haben wir heute gelernt?
a) Meine Tochter hatte einen perfekten Tag und ist wieder ein Stück selbständiger geworden.
b) Somit ist meine Tochter in ihrer Entwicklung deutlich schneller als ich.
c) Ich spinne.
d) Das muss aufhören.

Kann man diese Helikopter-Geschichte irgendwie abschalten? Ist nämlich ein bisschen wie Damm-Massage - ganz schön anstrengend, ein bisschen schmerzhaft und völlig sinnfrei.

23.01.2015

Bekenntnis: Heute habe ich mein Kind angeschrien.

Hallo Internet. Heute möchte ich eine Geschichte mit euch teilen, auf die ich nicht stolz bin. Heute habe ich mein Kind angeschrien. Das kleine.

Gerade ist es 20.15 Uhr und ich frage mich, warum ich nicht im Bett liege, statt dem Internet eine Beichte abzulegen. Aber das muss jetzt raus. Zugegeben: Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Ich bin körperlich am Limit, erkältet, übermüdet, Lagerkoller. Die langsam genesenen Kinder verbreiten in Sekundenschnelle ihr übliches Chaos - während ich im Norden aufräume, wird im Süden ausgeräumt. Sie sind nach fast einer eingesperrten Woche so überdreht, dass sie nicht mehr spielen, sondern nur noch mit Sachen um sich werfen. Normalerweise ist es mir egal, aber heute macht es mich wahnsinnig. Sie streiten und es macht mich wahnsinnig. Sie hören mir nicht zu und es macht mich wahnsinnig. Ich merke, wie eine sehr ungerechte Wut in mir hochbrodelt, die hauptsächlich meiner eigenen Erschöpfung zu schulden ist und denke noch, oh my. Hochexplosiv, jede Pore meines Körpers. Ruhig Blut, sie können auch nix dafür. Dann schütten beide ihre Apfelschorlen über Tisch und Stühle. Beim Wickeln reißt Mo tatsächlich die völlig vollgekackte Windel unter seinem Popo hervor, wedelt freudig damit herum und ... Das war's. Ich explodiere. Und mein armer 1 1/3-Jähriger schaut mich fassungslos an.

Er weiß nicht, warum ich ihn anschreie und findet den Fehler nicht. Er hat keine Ahnung, was er falsch gemacht hat.

10 Sekunden später komme ich wieder zu mir und schäme mich fürchterlich, aber es ist zu spät.

Und jetzt?

Hilft nur:
Erkennen, dass das großer Mist war.
Bewusstmachen, dass ich diese Veranlagung zum Explodieren in mir trage.
An mir arbeiten, damit ich das nächste Mal angemessen und altersgerecht reagiere.
Mich beruhigen, dass die Kinder vereinzelt auftretendes elterliches Versagen verkraften können.
Hoffen, dass ich wieder lerne mich im richtigen Moment besser zu kontrollieren. (Nicht immer und sicher nicht völlig, denn hier stimme ich zu 100% mit Jesper Juul überein: Authentisch bleiben. Das Kind darf ruhig merken, dass ich auch mal wütend werde. Aber nicht so.)
Die beiden heute noch ein bisschen mehr knutschen als sonst.

Und mir verzeihen.

Kennt ihr das?
Eure Sue

20.01.2015

Ich habe seit Freitag die Wohnung nicht mehr verlassen.

Meinen Berechnungen zufolge ist heute Dienstag. Es könnte aber auch Mittwoch sein, der Blick auf den PC verrät mir zumindest, dass heute der 20.01. ist, was einen gewissen Sinn ergibt, weil der Christbaum steht nackig auf der Terrasse, vom Himmel schnieselt es und meine Hände sind Januar-kalt. Beide Kinder sind krank, es sind Tage, die keinen Anfang haben und kein Ende, bei der ersten Erschöpfung ist es 08.00 morgens und noch 12 Stunden to go bis hinsetzen. Keiner isst und ich zaubere unentwegt Lieblingsgerichte, die nicht mal ich mehr esse. Gegen 16.00 versuche ich vor Sorge um das eine Kind das andere nicht anzuschreien. Meine Nerven sind dünn. Fiebrige Kinder haben keine Nerven und nichts, das ihre Gefühle abpuffert, bevor sie nach außen platzen. Die verschissenen Hosen werfe ich nur noch vor die Tür und das Wohnzimmer zu saugen habe ich schon längst aufgegeben. Gegen 18.00 gerät der Finger des einen Kinds ins Fenster, als ich es schließen will. Jetzt ist es 19.12 und ich freue mich - Kind 1 geht es besser, Kind 2 hat nur noch 39,4 und es hat seit 3 Stunden schon nicht mehr gekackt.